Modul 2 von 8 · Perspektive

Demenz verstehen: Die Welt mit anderen Augen sehen

Wir reagieren oft auf das, was wir sehen: Wut, Wiederholungen, Rückzug. Dieses Modul schaut darunter – auf die Gefühle und Bedürfnisse, die das Verhalten eines Menschen mit Demenz erklären.

  • ca. 25 Minuten
  • 6 Abschnitte, 3 Fragen
  • ohne Anmeldung
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Älterer Mann sitzt nachdenklich mit einer Tasse am Fenster
2.1 3 Min.

Verhalten ist Ausdruck, nicht Absicht

Menschen mit Demenz sind nicht „böse“, „trotzig“ oder „stur“. Sie handeln so, wie es ihre Erkrankung zulässt.

Wer zum fünften Mal fragt, wann es Essen gibt, will niemanden ärgern. Er hat die eigene Frage vergessen – und spürt vielleicht Hunger, Unsicherheit oder Unruhe. Wer sich beim Waschen wehrt, kämpft nicht gegen Sie. Er fühlt sich bloßgestellt und ausgeliefert. Die Abwehr ist Schutz, kein Angriff.

Die wichtigste FrageNicht: „Warum macht er das mit mir?“ Sondern: „Was braucht dieser Mensch gerade?“
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Der personzentrierte Ansatz

Der britische Psychologe Tom Kitwood hat in den 1990er-Jahren die Begleitung von Menschen mit Demenz stark geprägt. Seine Kernaussage: Demenz ist nicht nur eine Erkrankung des Gehirns. Wie es einem Menschen mit Demenz geht, hängt auch davon ab, wie wir ihm begegnen – von Umgebung, Beziehungen und Umgang.

In ruhiger, vertrauter Umgebung und mit Menschen, die ihn wertschätzen, zeigt ein Mensch mit Demenz meist weniger herausforderndes Verhalten als in Lärm und Hektik, wo er ständig korrigiert wird.

Sechs Grundbedürfnisse – auch mit Demenz

TrostNähe, Wärme, Sicherheit
Identitätwissen, wer man ist
Beschäftigungetwas Sinnvolles tun
Einbeziehungdazugehören
Bindungvertraute Menschen
Liebeangenommen sein, wie man ist

Sind diese Bedürfnisse erfüllt, kann es einem Menschen auch mit Demenz gut gehen. Werden sie verletzt, zeigt sich das oft als Unruhe, Rückzug oder Aggression.

2.3 3 Min.

Alles hängt zusammen

Stellen Sie sich ein Mobile vor: Bewegt man ein Teil, schwingen alle anderen mit. So ist es auch mit dem Verhalten bei Demenz – es hat selten nur eine Ursache. Mitspielen können:

  • die Erkrankung des Gehirns selbst
  • die Persönlichkeit von früher
  • die Lebensgeschichte und frühere Erfahrungen
  • der Körper: Schmerzen, Müdigkeit, Hunger, Durst
  • die Umgebung: Lärm, Unruhe, fremde Menschen
  • die Beziehung zu den Begleitenden
  • die Art, wie mit ihm gesprochen wird

Plötzliche Aggression kann also bedeuten: Schmerzen, die nicht ausgesprochen werden können. Zu viele Reize. Angst vor dem Alleinsein.

Daraus folgtNicht den Menschen ändern wollen – sondern das Umfeld: Ruhe schaffen, anders sprechen, Schmerzen behandeln lassen. Dann ändert sich oft auch das Verhalten.
2.4 3 Min.

Wenn die Krankheitseinsicht fehlt

Viele Menschen mit Demenz wissen nicht, dass sie krank sind. Sie spüren, dass etwas nicht stimmt, erklären es sich aber anders: Die anderen haben sich verändert. Jemand versteckt ihre Sachen.

Das ist kein Verdrängen und kein Sturkopf. Fachleute nennen es Anosognosie: Die Hirnbereiche, die für die Selbstwahrnehmung zuständig sind, arbeiten nicht mehr richtig.

Für Angehörige ist das hart: Sie wollen helfen – doch der Mensch will keine Hilfe. Fachleute raten, behutsam mit der Diagnose umzugehen und Selbstbestimmung und Schutz vor Überforderung abzuwägen.

Im Alltag heißt dasSie müssen nicht ständig korrigieren und nicht immer recht haben. Oft hilft es mehr, die Welt des anderen ernst zu nehmen – auch wenn sie nicht der Wirklichkeit entspricht.
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Die Welt aus Sicht des Erkrankten

Ein kleines Gedankenexperiment:

Sie wachen auf und wissen nicht genau, wo Sie sind. Jemand kommt herein und sagt: „Guten Morgen, Papa.“ Die Person kennt Sie offenbar – Sie aber erkennen sie nicht. Sie fühlen sich unsicher. Sie möchten nach Hause. Nur: Wo ist das?

So ähnlich kann sich der Alltag mit Demenz anfühlen. Orientierungslosigkeit ist nicht nur ein Symptom – sie ist ein Gefühl von Verlorenheit.

Statt„Das habe ich dir doch gerade gesagt!“Besser„Ich bin hier. Ich bleibe bei dir.“
Statt„Dein Mann ist doch schon lange tot!“Besser„Du vermisst ihn sehr, nicht wahr?“

Das ist keine Lüge. Sie erkennen das Gefühl an – auch wenn die Fakten nicht stimmen.

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Was das für Sie bedeutet

Wenn Verhalten Ausdruck von Bedürfnissen ist, lautet die Frage nicht mehr: „Wie bekomme ich das weg?“, sondern: „Was fehlt gerade?“

Das verlangt Geduld. Aber es entlastet auch: Wenn das Verhalten nicht gegen Sie gerichtet ist, müssen Sie sich nicht verteidigen. Sie können ruhig bleiben – und handeln, statt nur zu reagieren.

Kern dieses ModulsVerstehen statt bewerten. Begleiten statt korrigieren.
Zum Nachdenken

Drei Fragen an Sie

Überlegen Sie zuerst selbst – öffnen Sie dann die Antwort.

1Ihr Vater beschuldigt Sie, sein Geld gestohlen zu haben. Er ist wütend und misstrauisch. Was tun Sie?Antwort zeigen
Nicht verteidigen und nicht beweisen, dass er sich irrt. Das Misstrauen kommt aus Angst und Orientierungslosigkeit. Sagen Sie ruhig: „Das klingt beunruhigend. Ich helfe dir. Wir suchen gemeinsam.“ Vielleicht hat er etwas verlegt – die gemeinsame Suche beruhigt mehr als jede Erklärung.
2Warum hilft es, Verhalten als Ausdruck von Bedürfnissen zu sehen?Antwort zeigen
Weil es dem Verhalten das Persönliche nimmt. Wenn Sie wissen, dass Ihr Vater aus Angst handelt und nicht Sie angreift, bleiben Sie ruhiger und fragen: Was braucht er gerade? Das verändert Ihre Reaktion – und oft auch sein Verhalten.
3Was bedeutet der personzentrierte Ansatz nach Tom Kitwood?Antwort zeigen
Demenz ist nicht nur eine Hirnerkrankung. Wie es einem Menschen geht, hängt auch von Umgebung, Beziehungen und Umgang ab. Werden die Grundbedürfnisse – Trost, Identität, Beschäftigung, Einbeziehung, Bindung, Liebe – erfüllt, geht es ihm besser. Herausforderndes Verhalten zeigt oft, dass ein Bedürfnis verletzt ist.
Zusammenfassung

Das Wichtigste in Kürze

  • Verhalten bei Demenz ist Ausdruck von Bedürfnissen, nicht von Absicht.
  • Umgebung, Beziehung und Umgang beeinflussen das Wohlbefinden stark (personzentrierter Ansatz).
  • Verhalten hat viele Ursachen – oft hilft es, das Umfeld zu verändern statt den Menschen.
  • Fehlende Krankheitseinsicht ist eine Folge der Erkrankung, kein Verdrängen.
  • Die Welt der Betroffenen ist oft von Unsicherheit und Angst geprägt.
  • Wer Verhalten nicht persönlich nimmt, entlastet sich selbst.
Wichtig: Dieser Lernbereich ersetzt keine ärztliche Untersuchung und keine Pflegeberatung. Bei Unsicherheit wenden Sie sich an Ihre Hausarztpraxis, Ihre Pflegekasse oder einen Pflegestützpunkt. Im Notfall: 112.

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Die Inhalte dieses Lernbereichs basieren auf den aktuellen Empfehlungen der S3-Leitlinie Demenzen sowie der Deutschen Alzheimer Gesellschaft. Zum Quellenverzeichnis. Die genannten Organisationen sind nicht Herausgeber dieses Lernbereichs. Stand: Oktober 2026.

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